Der Fliegende Holländer

Oper

„Kunst muss ein gefährlicher, ein verwirrender Akt sein. Sie muss uns als Gemeinschaft bis ins Mark erschüttern.“ (Milo Rau)

 

Unmittelbar nach dem 150-jährigen Jubiläum von Bayreuth inszeniert Milo Rau Wagners Der fliegende Holländer an der Deutschen Oper Berlin und in Israel als Roadmovie durch die deutsch-israelische Geschichte: vom Holocaust bis zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen in den 1950er Jahren, vom traumatischen Massaker bei den Olympischen Spielen 1972 bis zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Berlin.

 

Kann Deutschland seine Schuld am Holocaust dadurch bewältigen, dass es sich entschlossen genug an die Seite Israels stellt? Lässt sich zwischen Geschichte und Tagespolitik unterscheiden? Und lässt sich die Musik von Richard Wagner – einem bekennenden Antisemiten und Hitlers Lieblings-Komponist, der in Israel bis heute boykottiert wird – jemals von dem Menschheitsverbrechen der Shoah trennen?

 

Milo Raus „scandal in waiting“ (The Guardian) feiert am 24. Oktober an der Deutschen Oper Berlin seine Weltpremiere. Die öffentliche Aufführung in Tel Aviv am 18. August ist Teil der Recherche für die Opernproduktion.

 

Milo Rau, den die New York Times kürzlich „den einflussreichsten Theatermacher Europas“ nannte, ist mit seinen bisher über 100 Inszenierungen, Filmen und Büchern einer der prominentesten und politisch engagiertesten Künstler unserer Zeit. Sein Schaffen – das von aktivistischen Tribunal-Formaten bis zu einer Verfilmung der Bibel, von radikalen Adaptionen klassischer Werke bis zur Gründung einer „Freien Republik“ reicht – hat das Theater wie kein anderes revolutioniert.

 

Seit einiger Zeit widmet sich der Autor und Regisseur – unter anderem Träger eines Europäischen Theaterpreises – auch der Oper. Nach seiner „revolutionären“ (Bachtrack) Inszenierung von Mozarts Clemenza di Tito (2020) und der Oper Justice (2024) – „eine Oper wie keine zuvor“ (ARD) – inszeniert Rau nun erstmals Musik von Richard Wagner.

 

Raus Inszenierung von „Der fliegende Holländer“ ist als eine Art historisches Roadmovie durch die deutsch-israelischen Beziehungen konzipiert, vom Völkermord an den europäischen Juden bis in die Gegenwart, die vom politischen Streit um die Erinnerungspolitik geprägt ist. Seine Interpretation verbindet Wagners klassisches Musiktheater mit Raus charakteristischen dokumentarischen, filmischen Methoden: Zum Ensemble, in dessen Zentrum die beiden Hauptdarsteller Tomasz Konieczny (der Holländer) und Aušrinė Stundytė (Senta) stehen, gesellen sich zwei Erzähler: Sara von Schwarze – deren Großeltern Nazis waren und deren Eltern zum Judentum konvertierten – sowie der in Berlin lebende Shlomi Wagner – der von der Idee besessen ist, Wagners Musik in Israel aufzuführen und sie so für die Gegenwart von ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zu befreien.

 

Der Regisseur betrachtet Wagners „Erlösungsoper“ als Spiegel einer radikalen Analyse der Gegenwart: Als Teil der Recherche zur Berliner Inszenierung inszenieren Milo Rau und sein Team in Israel eine öffentliche Aufführung ausgewählter Wagner-Arien. Was bedeutet der kulturelle „Wagner-Komplex“ – Antisemitismus, deutsche Schuld und die Hoffnung auf Erlösung – nach dem traumatischen Terroranschlag vom 7. Oktober und den Massakern in Gaza?

 

Im Rahmen dieser einmaligen Aufführung diskutieren Rau und seine jüdischen und palästinensischen Gäste über Sinn und Unsinn künstlerischer Boykotte sowie über die Auswirkungen des Holocaust auf die deutsche, israelische und palästinensische Geschichte bis heute.

 

 

„Wir werden diesen Sommer durch Israel reisen, Menschen treffen und schließlich Wagners Musik aufführen.“ (Q&A)

 

Wie kam es zu der Entscheidung, Wagner zu inszenieren? Und vor allem: Wie entstand Ihre Neuinterpretation von „Der fliegende Holländer“?

 

Milo Rau: Aviel Cahn, der neue Intendant der Deutschen Oper, fragte mich, ob ich „Der fliegende Holländer“ zum Auftakt seiner Intendanz in Berlin inszenieren will. Mir war sofort klar, dass sich die Inszenierung um das Thema der Shoah drehen würde. Denn leider steht Wagner für Antisemitismus, für all diese romantischen, „deutschen“ Fantasien von Untergang und Erlösung: die Vorstellung, dass selbst das Schlimmste überwunden werden kann – durch Musik.

Was die Inszenierung angeht, haben wir eine einfache, aber radikale Umkehrung vorgenommen. In Wagners Werk ist der Holländer Ahasver, der wandernde Jude, der nur durch die Liebe zu Senta, einer nordischen Frau, erlöst werden kann – ganz im Sinne von Wagners Vorstellung, dass das Judentum im Deutschtum „vernichtet“ werden müsse. Ich dachte mir: Was wäre, wenn der fliegende Holländer und sein Geisterschiff das deutsche Bewusstsein nach dem Holocaust repräsentieren würden? Und was wäre, wenn Senta Israel wäre? Wir haben die Oper dann im Detail durchgesehen, und tatsächlich: Es passt perfekt.

Wie immer bin ich jedoch sehr präzise und konkret in meinen Entscheidungen. Neben dem Geschehen auf der Bühne werden wir daher zwei Erzähler auf der Bühne haben: Eine davon ist Sara von Schwarze. Sie ist die Enkelin deutscher Nazis, deren Eltern zum Judentum konvertierten und nach Israel zogen – sozusagen als eine Form der Sühne. Von Schwarze erzählt in drei Akten die Geschichte der Beziehung zwischen Israel und Deutschland: den Holocaust in der Ouvertüre, dann die Versöhnung, den Schwarzen September und die aktuelle Erinnerungspolitik. Der israelische Sänger und Performer Shlomi Wagner hingegen, der regelrecht besessen von der Idee ist, Wagner in Israel auf die Bühne zu bringen, ist sozusagen mein Alter Ego. Er versucht, das Trauma in der Gegenwart zu konfrontieren. Gemeinsam mit ihnen werde ich diesen Sommer durch Israel reisen, Menschen treffen und schließlich – ausserhalb aller offiziellen Institutionen, als Teil der Recherche – Wagners Musik aufführen.

 

Seit den traumatischen Anschlägen vom 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden Massakern im Gaza-Krieg sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel und vor allem der Begriff „Antisemitismus“ erneut stark politisiert worden: Sie sind zu einem Schauplatz des Kampfes um die Deutungshoheit im Nahostkonflikt geworden. Lässt sich die Debatte um die deutsche Schuld wirklich noch als „Roadmovie durch die Geschichte“ gestalten, wie es in der Ankündigung heißt? Oder bedeutet das nicht, sich auf ein Minenfeld der Tagespolitik zu begeben, wo es um ganz andere Themen geht?

 

Rau: Das stimmt, und wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, uns dem auszusetzen. Ganz einfach, weil mir das ritualisierte Entsetzen – das nun schon seit mehr als 80 Jahren anhält – über Bayreuths unbewältigte Nazi-Vergangenheit und Wagners Antisemitismus unvollständig erscheint – als würde durch die Fixierung auf die Vergangenheit die Gegenwart – die reale, tödliche Wirkkraft des Vergangenen – bewusst übersehen.

Der erste Akt schildert die Annäherung Deutschlands an Israel – ein historisches Kapitel, das übrigens damals äußerst umstritten war. Der zweite Akt, in dem der Angriff palästinensischer Attentäter auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München im Mittelpunkt steht, markiert sozusagen die Entstehung der heutigen Konfliktkonstellation – mitten im Herzen Deutschlands. Der dritte Akt, der am Abend der Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Berlin spielt, dringt dann direkt in den Kern des politischen Kampfes um die Erinnerung vor.

Zudem verkörpert die Figur des Erik allegorisch das Schicksal Palästinas: dieser Charakter, der nicht verstehen kann, warum er nicht geliebt wird, obwohl er aus demselben Land stammt wie Senta. Doch Senta liebt den Holländer – diesen unheimlichen Kerl mit seiner gespenstischen Mannschaft.

 

Ihrer Inszenierung an der Deutschen Oper geht eine Reise nach Israel voraus, was thematisch natürlich absolut Sinn macht. Während dieser Reise führen Sie auch öffentlich Wagners Musik auf. Das ist in Israel eigentlich verboten. Gleichzeitig arbeiten Sie zwangsläufig mit israelischen Künstlern zusammen und umgehen damit einen weiteren Boykott, nämlich den gegen Israel. Warum tun Sie das? Haben Sie keine Ängste, keine Zweifel?

 

Rau: Israel und die israelische Regierung sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ich stehe hinter der israelischen Zivilgesellschaft, genauso wie ich hinter der palästinensischen Zivilgesellschaft stehe, was selbstverständlich ist. Ich weigere mich, die Bevölkerung mit ihrer Regierung zu verwechseln. Es war nicht einfach, eine logistische und organisatorische Lösung zu finden, bei der wir in keiner Weise mit offiziellen staatlichen Akteuren zusammenarbeiten – aber es ist uns gelungen. Die  hundertprozentige Unabhängigkeit ist uns sehr wichtig. Zudem: Unsere Wagner-Veranstaltung in Tel Aviv ist eine sehr direkte Kritik an der aktuellen israelischen Regierung, die ich – ebenso wie die UNO – jenseits jeglicher völlig legitimer Selbstverteidigung als kriminell betrachte. Wir arbeiten daher bei der Inszenierung nicht nur sehr eng mit Wagner-Experten und Musikern zusammen, sondern auch mit palästinensischen und israelischen Kritikern der aktuellen israelischen Regierung.

Wagners Antisemitismus und die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel bilden den dramatischen roten Faden der Inszenierung, stehen jedoch nicht im alleinigen Mittelpunkt. Als Barenboim 2001 Wagner in Israel aufführte, schrieb sein Freund, der postkoloniale palästinensische Philosoph Edward Said, einen sehr interessanten Artikel. Er argumentierte: Unser Bewusstsein darf nicht von Traumata und Tabus, von Verboten und Boykotten bestimmt werden, denn auf diese Weise – ob wir nun Israelis oder Palästinenser sind – können wir die Vergangenheit nicht verstehen, die wiederum die Verbrechen der Gegenwart bestimmt.

Aber natürlich: All dies ist ein kolossales Unterfangen, das sogar Projekte wie „Antigone im Amazonas“ oder „Orestes in Mosul“ in den Schatten stellt. Um ehrlich zu sein, erfüllt mich das ganze Unterfangen mit einer fast metaphysischen Angst. Ich wache morgens auf und denke: Ist es nicht ein bisschen verrückt, Wagner in Israel aufzuführen? Ist es richtig, ist es falsch? Damals wurde Barenboim Opportunismus vorgeworfen, den Boykott gegen Israel gebrochen zu haben, nur Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Sein Weggefährte Edward Said antwortete: Genau das ist Kunst – ein verrücktes, widersprüchliches Gebiet, in dem nichts ganz richtig und nichts ganz falsch ist. Ich stimme ihm zu. Kunst muss ein gefährlicher, ein verwirrender Akt sein. Sie muss uns bis ins Mark erschüttern. Wie könnten wir da keine Angst empfinden, keine Zweifel hegen?