3sat-Preis für Milo Rau / Kritiken zu „Die 120 Tage von Sodom“

 

Wie bei vielen Arbeiten Milo Raus löste auch seine jüngste Inszenierung „Die 120 Tage von Sodom“ (UA 10.2.2017 am Schauspielhaus Zürich) im Vorfeld einen gewaltigen Medienwirbel aus. „Die medialen Alarmglocken läuteten zuverlässig“ (Deutschlandradio Kultur), doch „was medial zum Skandalstück aufgekocht wurde, entpuppte sich als Theater der Zärtlichkeit und des Mitgefühls.“ (WOZ – Die Wochenzeitung). Die Badische Zeitung sah einen „unvergleichlichen Abend“, obwohl Rau „über die Grenzen des etablierten Betriebs weit hinaus geht, so wie es vorher nur Christoph Schlingensief gewagt hat“. 3Sat Kulturzeit sah „eine schwer verdauliche Inszenierung“, der ORF Kulturmontag gar „das Theater von morgen“.

 

„Hochkomplex verschlingen sich die Fragen“, schrieb die Stuttgarter Zeitung, „die Kontraste sind grell, die Effekte mitunter von subtiler Brutalität“, beobachtete die FAZ, kritisierte aber die „abgefeimte Durchtriebenheit“ der Inszenierung. Denn „bei aller Leichtigkeit holt einen am Ende doch der Schock ein“, so die Berliner TAZ,  obwohl sich die „beklemmenden Bilder der Verfügungsgewalt (…) allen Erwartungen auf Skandal entziehen.“ „Schwer erträglich und grandios“, resümierte der Schweizer Autor Adolf Muschg in einem Video-Interview des Tages-Anzeigers, „genau so, wie das Theater eigentlich gemeint war bei den alten Griechen.“

 

Nur die lokale Züricher Presse, wohl in Erwartung des selbst angekündigten Skandals, sah es anders. Der Tages-Anzeiger hörte zwar den Zuschauern „den Atem stocken“ und sah „ganze Theaterhausdächer aufreißen“, zeigte sich aber doch am Ende gelangweilt: Die Grausamkeiten und inszenatorischen Doppelbödigkeiten seien auf Dauer „ermüdend“. Besonders enttäuscht war die NZZ, die bereits im Rahmen eines Vorabinterviews das Ensemble des Theaters HORA ironisch als „Vorzeige-Behinderte“ und „salonfähig“ bezeichnet hatte: „War es das, was ich erwartet hatte? (…) ‘Die 120 Tage von Sodom‘ sind 120 skandalfreie Minuten, keine Perversion ist auszuspähen.“ Nach 12 ausverkauften Vorstellungen geht die „berührende und intime“ Inszenierung, „die der Suche nach Erregung immer wieder die Spitze abbricht“ (TAZ) nun auf Tour (nächste Station: Théâtre Vidy Lausanne). Im Herbst kehrt sie für eine zweite Aufführungs-Staffel ans Schauspielhaus Zürich zurück.

 

Ganz besonders freuen wir uns zudem über die Einladung von „Five Easy Pieces“ zum Berliner Theatertreffen 2017 und den 3sat-Preis für Milo Rau. In der Begründung der Jury, die gestern bekannt gegeben wurde, heißt es: „Raus ‚Five Easy Pieces‘ feiern, was die Dutrouxs dieser Welt vernichten wollen: kindliche Weisheit, kindlichen Willen, kindlichen Trotz.“ Bisherige Preisträger waren unter anderen Herbert Fritsch, Sandra Hüller und Christoph Schlingensief. Das Stück wurde u. a. bereits unter die „wichtigsten Inszenierungen 2016“ der Plattform nachtkritik.de gewählt und mit dem Spezialpreis der belgischen Theaterkritik ausgezeichnet.

 

„Empire“, das vergangene Woche anlässlich von Aufführungen in Paris als „zutiefst berührend“ (Le Monde) von Publikum und Presse gefeiert wurde, ist neben dem Schweizer Theatertreffen und dem Heidelberger Stückemarkt dieses Jahr auch zu den 42. Mülheimer Theatertagen eingeladen worden. Damit ist zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Mülheimer „Forums deutschsprachiger Gegenwartsdramatik“ ein Werk eingeladen worden, in dem kein einziges deutsches Wort vorkommt. Ein genauso schönes wie historisches Zeichen für die Akzeptanz der Interkulturalität des deutschsprachigen Theaterschaffens, über das wir uns gemeinsam mit unseren Partnern und Koproduzenten freuen!

 

 

Pressestimmen „Die 120 Tage von Sodom“

„Raus Adaption ist keine hohle Provokation. Viel härter als die sichtbare Gewalt ist das Unausgesprochne.“ BLICK

 

„Die Metaebenen unterlaufen die Handlung und nehmen ihr die Spitzen des Angstlusterlebens, auf die Pasolini und de Sade noch zielten. […] Eine erotische Szene zwischen Gianni Blumer und Fabienne Villiger (beide vom Hora-Theater) ist so intim und zärtlich wie in ihrer Zurschaustellung furchteinflößend. Mit dem Privaten wird die Performance gekontert. Der beabsichtigte Effekt: Die Realität holt das Bild ein.“ Junge Welt
 
„Wann wird die Gewaltdarstellung auf der Bühne unerträglich? Was kann man Darstellern an Entäußerung zumuten? Wie steht es – auf der Bühne und außerhalb – mit der Würde des Menschen? Hochkomplex verschlingen sich die Fragen. Die intensivsten Szenen, die zärtlichsten und grausamsten, gehören dabei den Horas. Fabienne Villiger und Gianni Blumer stellen eine Pasolini-Szene nach und lieben sich auf offener Szene. Sex, fast bis zum Äußersten, sehr sanft und zu sakraler Musik, auf einer Matratze vor einem aufragenden Holzkreuz […] Und wieder schließt sich einer der Höllenkreise dieses außergewöhnlichen Gewaltprojekts von Milo Rau. Es ist sehenswert, weil es ästhetisch überzeugend und inhaltlich wichtig ist.“ Stuttgarter Zeitung

 

„Er polarisiert und begeistert gleichzeitig. Milo Rau versucht Theater neu zu denken und das gelingt ihm auf eindrucksvolle Weise. Oft an der Grenze zum Erträglichen bring Milo Rau aktuelle und brisante Themen unserer Gesellschaft auf die Bühne. (…) Und was passiert mit den Zuschauer, wenn man ein Stück inszeniert, bei denen die Schauspieler im realen Leben Betroffene sind? Wenn das, was auf der Bühne verhandelt wird, Teil ihrer Realität ist? In diesem Fall die Auslöschung von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft? Das ist die Idee hinter diesem berührenden Abend. Milo Rau nimmt Pasolinis Film als Vorlage und verortet ihn in der Jetztzeit zwischen Genusssucht und Untergangsszenario, Normalisierungswahn, dem Ende der Freiheit und den Verlust von Empathie. So kann es also aussehen, das Theater von Morgen: Immer am Puls der Zeit, raus aus der Komfortzone. Der Zuschauer durchlebt mit den Akteuren eine Hochschaubahn der Gefühle. So sehr im Vorfeld bei Milo Rau immer wieder die Rede von Skandal ist, so erstaunlicher ist dann das Ergebnis seiner Arbeit: Er verurteilt nicht, er bringt auf berührende Weise den Zuschauer zum Nachdenken.“ ORF Kulturmontag

 

Die Mitglieder von HORA sind allesamt professionelle Schauspieler mit geistiger Behinderung. Das wiederum beschäftigt den Zuschauer auf einer Metaebene. Nicht nur ist er aufgrund der rohen Gewalt gezwungen zu abstrahieren, zusätzlich hinterfragt er seine Denk- und Sehgewohnheiten angesichts der Akteure mit Behinderung (…) Eine schwer verdauliche Inszenierung.“ 3sat Kulturzeit

 

„Neben den Gewaltszenen gibt es erstaunlich zärtliche, intime Momente. Die HORA-Schauspieler mit ihrer archaischen Spielfreude führen die Gewalt letztendlich ad absurdum. Ein außergewöhnliches Erlebnis, das ganz sicher keinen unberührt lässt.“ SWR Kunscht!

 

„Nein, man rechnet nicht mit dieser Langsamkeit, der Behutsamkeit der Erzählweisen, dem Distanzhalten gegenüber dem Grausamen, wenn die ‚120 Tage von Sodom‘ auf dem Programmzettel stehen. […] Die Inszenierung von Milo Rau reiht sich eben nicht ein in die Suche nach dem Tabu-Bruch, in das Überschreiten von Schmerzgrenzen, sondern sie unterläuft sie. […] Und obwohl man deutlich gezeigt bekommt, dass die abgeschnittenen Finger und Zungen gefaked sind, sind die Bilder zu schrecklich, um hinzuschauen. Da holt einen bei aller Leichtigkeit der Inszenierung am Ende doch ein Schock ein, den man bis dahin gnädig von sich fernhalten durfte.“ TAZ

 

„Milo Rau, daran besteht kein Zweifel, ist ein Mensch, dem man vertraut und der die künstlerische Messlatte dort ansetzt, wo seine existenzielle Lehre der Tat einem ungebrochenen Optimismus geschuldet ist. Keinen Augenblick wirkt das kaum Erträgliche peinlich oder würdelos.“ St. Galler Tagblatt

 

„‘Darf man das?‘, fragte rundum das besorgte Feuilleton und hoffte wohl insgeheim auf einen saftigen Skandal, der sich so richtig bewirtschaften liesse. Ja, man darf nicht nur, man muss geradezu. […] Was Faschisten an Zerstörung vermochten, ist das eine. Was eine verlogene, klassische Musik liebende, Business, Humanismus und Kultur propagierende heutige Gesellschaft im Schlepptau von Populisten toleriert und befördert, ist das andere und steht Ersterem kaum in etwas nach. Das ist nicht «nur» Film, nicht «nur» Theater: Das ist die ungeschminkte, real existierende Wahrheit. Davon handelt diese Aufführung. […] Womit der Regisseur genau das erreicht, was er gemäß eigenen Aussagen vom Theater selber verlangt: dass es nicht nur begeistert, sondern beunruhigt. Und in der Tat: […] Im Raum herrschte erdrückende Stille.“ Luzerner Zeitung

 

„Es sind die pointierten Mehrdeutigkeiten, die an dieser Inszenierung faszinieren, die in sich widersprüchlichen Situationen, die sie zu schaffen weiss.“ SRF – Schweizer Radio und Fernsehen

 

„Die Frage nach den Grenzen des guten Geschmacks prallt an diesem Theaterabend ab wie ein Wassertropfen von einer Teflonpfanne. Das liegt einerseits an der Transparenz, mit der er seine Entstehungsgeschichte, also die Vorbereitungen, Gespräche und den Probenprozess, reflektierend miteinfließen lässt, mehr noch aber daran, dass der Zuschauer weiß, dass alles, was an Greueltaten gezeigt und verhandelt wird, seine Entsprechung im Realen hat. […] Die Kontraste sind grell, die Effekte mitunter von subtiler Brutalität, mal anrührend, mal grob.[…] Jede Provokation ist kühl kalkuliert und der ganze Abend auf eine Weise durchdacht, die von abgefeimter Durchtriebenheit nicht leicht zu unterscheiden ist.“ FAZ

 

„Der Regisseur Milo Rau geht in seinen beiden jüngsten Produktionen über die Grenzen des etablierten Betriebs weit hinaus – so wie es vorher nur Christoph Schlingensief gewagt hat. […] Seinen Reichtum verdankt der zweistündige, von viel Musik zwischen Sakralität und Unterhaltung begleitete Abend durch die spontane, anarchische Spiellust der liebenswürdigen HORA-Schauspieler. Der blasierte, schick designte coole Kulturbetrieb darf sich an ihnen erfreuen, während die von der Leistungsnorm versklavte Gesellschaft weiter an ihrem Verschwinden arbeitet. […] Ein unvergleichlicher Abend.“ Badische Zeitung

 

„Milo Rau, der Schweizer Extremsportler unter den derzeit angesagten Theatermachern, unternimmt nun den Versuch, Szenen des Films nachzustellen und daraus provozierende Fragestellungen für unsere Zeit zu entwickeln. […] Es kommt zu bewegenden Szenen, auch wenn sich das Theater einmal mehr mit Grenzerfahrungen der eigenen Kunst beschäftigt. […] Man darf darauf gefasst sein, dass auch sein neuer Theaterabend kontrovers diskutiert wird.“ Schwäbische Zeitung

 

„Die medialen Alarmglocken läuteten zuverlässig, die Erklärungen des Regisseurs folgten prompt. Mindestens so gut wie inszenieren kann Milo Rau: überzeugend reden und schreiben. Und zwar mit allen. Rau ist ein seltener Theater-Intellektueller, der den Vollkontakt sucht und die Filterblase scheut. (…) Wenn sich Gianni Blumer und Fabienne Villiger ausziehen und streicheln, wenn sie aus den Rollen der Pasolini-Erniedrigten fahren und nackt zur Zärtlichkeit finden, schnappt die Falle mehrfach zu. Denn wer hier auf der Bühne steht, ist unser Blick, unsere Sehnsucht, mit diesen Behinderten einen Moment der Authentizität zu genießen, ihnen etwas ‚Echtes‘ zu gönnen. Dass man damit den Kunstcharakter in Abrede stellt und sie als arme Behinderte, statt als Schauspieler fasst, ist die kleine Perfidie. Ein großer Effekt.“ Deutschlandradio Kultur

 

„Mit ‚Die 120 Tage von Sodom‘ am Schauspielhaus Zürich bringt Milo Rau einen Schocker, der viele Fragen aufwirft und das Theater selber in Frage stellt. […] Virtuos wird das Spiel von Realität und Fiktion nicht nur gespielt, sondern immer wieder reflektiert und in einen schwierigen Schwebzustand gebracht. Darin ist Rau ein Meister und sind ‚Die 120 Tage von Sodom‘ hervorragend gemacht. Kalt lässt das garantiert niemanden.“ SAITEN

 

„Was medial zum Skandalstück aufgekocht wurde, entpuppt sich als Theater der Zärtlichkeit und des Mitgefühls. (…) Mit der Wahl des Stoffs und seiner drastischen Inszenierung führt Rau vor, dass es bei der Jagd der Pränataldiagnostik auf den behinderten Fötus nicht in erster Linie um ökonomische Aspekte geht, wie oft behauptet wird – sondern um eine brutale Logik von Gewalt und Diskriminierung, die unsere Gesellschaft zu regieren droht. (…) Den Katalog bösartiger Triebe ergänzt Rau durch das breite Spektrum menschlicher Emotionen: Wut, Angst, Liebe, Trauer, Sehnsucht, Freude. Es ist eine Feier des Lebens, für die er auf die spezifischen Möglichkeiten des Theaters setzt.“ WOZ – Die Wochenzeitung

 

„Den Zuschauern stockt der Atem […]. Genau, das soll auch so sein. Schliesslich geht der schweizerische Theaterpionier Milo Rau, den man ruhig gross nennen darf, keine einfachen, abgelatschten Wege. […] In der Schiffbau-Box haut er sich buchstäblich mit einer Machete – und mit Pier Paolo Pasolinis blutigen Filmfantasien – einen Weg durch die Sehgewohnheiten des bürgerlichen Theaters. […] Auch in dieser Arbeit ‚nach Motiven von Pier Paolo Pasolini und Donatien Alphonse François de Sade‘ gibt es jene atemberaubenden Augenblicke, die wir aus anderen Stücken des 40-jährigen dramatischen Extremsportlers kennen: Momente, wo mental Vorhänge aufgerissen werden. Ja, da reissen ganze Theaterhausdächer auf, und man schaut gebannt in einen fernen Himmel, berührt und zerbrochen wie die Marionette am Ende von Milo Raus Stück ‚Five Easy Pieces‘ (die gleichfalls aus einem Pasolini-Film auf seine Bühne marschierte). Wenn die Kamera auf das tote Baby hält; oder wenn Michael Neuenschwander von der Tötung seines kranken Sohns im Bauch seiner Freundin erzählt.“ Tages-Anzeiger

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