„Das Theaterereignis des Jahres“ – Das war 2016, das wird 2017

 

„Es gilt als Theaterereignis des Jahres“, resümierte Mitte Dezember eine Kritikerin den Siegeszug der weltweit von Publikum und Kritik gefeierten und anlässlich verschiedener Zensurmaßnahmen heiß debattierten deutsch-belgischen Produktion „Five Easy Pieces“, die im Frühsommer in Berlin und Brüssel Premiere feierte und seither durch 10 Länder tourte. „Atemraubend, analytisch klar und grauenvoll“, schrieb die Süddeutsche Zeitung, „Unbeschreibliches ist gelungen“, konstatierte Die Welt, Radio-Télévision Belge Française (RTBF) hatte „die beeindruckendste, berührendste Performance der letzten 10, 15 Jahre“ gesehen, die niederländische Tageszeitung De Volkskrant wählte die Inszenierung auf den 1. Platz ihrer Jahres-Bestenliste  und die Jury der belgischen Theaterkritik schuf extra einen Spezialpreis, um Milo Rau und seinem Team als erstem ausländischem Künstler den jährlichen belgischen Theaterpreis zusprechen zu können. Aber „Five Easy Pieces“ erfuhr auch Gegenwind: Das „manipulative“ Stück wurde in Singapur erst ab 18 freigegeben, in München mit Zensur in eine Szene eingegriffen und in Frankfurt wurden die Vorstellungen überhaupt nicht genehmigt. Erste Stationen von „Five Easy Pieces“ im Januar 2017 sind u. a. Lausanne, Zürich, Mons und Amsterdam.

 

Neben „Five Easy Pieces“ produzierte das IIPM vergangenes Jahr zwei weitere Theaterstücke, zwei Hörspiele und eine umfangreiche Monographie: Anfang 2016 war Deutschlandpremiere des „verstörenden“ (Tagesspiegel) Doppel-Monologs „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ an der Berliner Schaubühne. Für die für den Friedrich-Luft-Preis nominierte Erfolgs-Inszenierung wurde die Hauptdarstellerin Ursina Lardi von der Zeitschrift „Theater Heute“ auf Platz 2 als beste Schauspielerin des Jahres gewählt. Im September schließlich schloss das IIPM mit „Empire“ seine Europa-Trilogie am Zürcher Theater Spektakel und der Berliner Schaubühne ab und publizierte zeitgleich alle drei Stücke in einem Band, der von der Zeitschrift „Bühne“ zum „Buch des Monats“ gekürt wurde: „Nicht nur eine politische Psychoanalyse, sondern eine Vermessung der Condition Humaine Europas“. Die „grandiose Uraufführung“ beim Zürcher Theater Spektakel „riss das Publikum zu stehenden Ovationen hin“ (Tages-Anzeiger) und begeisterte seither auch die Zuschauer in Deutschland, Österreich, Polen und weiteren Spielorten in der Schweiz. „Empire“, so schrieb die NZZ, sei „das Theater von Euripides in die Gegenwart gedacht“, Le Temps erlebte ein „Meisterwerk“, „größeres Theater kann man nicht kriegen“, urteilte die Stuttgarter Zeitung und die Wiener Zeitung resümierte: „Kein Theater, das Betroffenheit künstlich generieren will – und eben deshalb wirkt es so stark.“ Im Januar 2017 geht die Produktion auf Frankreich-Tournee.

 

2016 war das bisher erfolgreichste Jahr des IIPM seit Gründung der Produktionsgesellschaft im Jahr 2007. Weltweit kam es zu über 300 Spezialvorstellungen und Gastspielen der Theater- und Filmwerke von Milo Rau. Neben Prohelvetia und unseren Partnern auf drei Kontinenten danken wir speziell der Schaubühne Berlin und CAMPO Gent für ihren unermüdlichen Gastspielbetrieb – allein „Mitleid“ war vergangene Spielzeit mehr als 60 Mal von Schweden bis Kroatien und Spanien auf Tour sowie im Repertoire der Schaubühne zu sehen. Aus „The Dark Ages“ als auch aus „Mitleid“ entstanden in Zusammenarbeit mit dem WDR vergangenes Jahr Hörspiele, die Hörspielfassung von „Mitleid“ wurde zum „Hörspiel des Monats“ nominiert. Zudem entsteht aus Raus „Opus Magnum“ (ORF) „Die Europa Trilogie“ für 2017 eine Videoinstallation, die im März am Schauspiel Freiburg im Rahmen der von Ivo Kuyl kuratierten Ausstellung „Eurotopia“ Uraufführung feiern wird (Drehleitung: Mirjam Knapp).

 

Auch Preise gab es 2016 gleich mehrere: Der von der Zeitschrift „De Standaard“ anlässlich der Aufführung von „Five Easy Pieces“ zum „interessantesten Künstler Europas“ ernannte Milo Rau wurde vergangenes Jahr für sein Werk als bisher jüngster Preisträger (nach u. a. Frank Castorf und Pina Bausch) mit dem Welttheaterpreis des Internationalen Theaterinstituts ITI ausgezeichnet und als „einer der konsequentesten Denker des Theaters der Gegenwart“ mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik geehrt, die er 2017 antritt. Ab Januar 2017 wird Milo Rau zudem neben Elke Heidenreich, Rüdiger Safranski, Hildegard Keller und Martin Ebel fester Experte des Literaturclubs des Schweizer Fernsehens. Milo Rau, der im November 2016 für sein literarisches Schaffen mit einem Berner Literaturpreis ausgezeichnet wurde, arbeitet aktuell für den Rowohlt Verlag an dem Manifest „Die Rückeroberung der Zukunft“ und für den Verbrecher Verlag an dem Sammelband „Das Kongo Tribunal“ (hrg. von Rolf Bossart und Mirjam Knapp).

 

Die erste Publikation des Jahres 2017 wird aber den beiden Inszenierungen „Five Easy Pieces“ und „Die 120 Tage von Sodom“ gewidmet sein – dem Stück, das derzeit mit den behinderten Schauspielern des Theaters HORA entsteht (UA 10. Februar 2017, Schauspielhaus Zürich). Die Monografie wird u. a. Beiträge von Kristof Blom, Dirk Pilz, Patrick Primavesi, Klaus Theweleit und Stefan Zweifel versammeln (hrg. von Stefan Bläske). Der Rest des Jahres 2017 steht, neben dem Tourbetrieb, ganz im Zeichen des 100. Jubiläums der Oktoberrevolution. Nach einem historischen Bilderbogen mit dem Ensemble der Schaubühne Berlin rund um die russische Revolution von 1917 (AT „1917“, UA Oktober 2017) wird das IIPM im November 2017 ein Reenactment des Sturms auf den Winterpalast inszenieren sowie in Berlin ein Weltparlament einberufen (AT „General Assembly“). Über 100 Abgeordnete aus der ganzen Welt werden in der Bundeshauptstadt das erste Global-Parlament bilden und an der „Charta für das 21. Jahrhundert“ arbeiten.

 

Das erste Pilotprojekt dieser „auf Augenhöhe der globalisierten Wirtschaft agierenden Kunst“ (Milo Rau anlässlich der Verleihung des ITI-Preises) war zweifellos das vergangenes Jahr in Berlin und im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet durchgeführte „Kongo Tribunal“. Nach einer Vorpremierentour u. a. durch die demokratische Republik Kongo wird im Herbst 2017 parallel zu dem Weltparlament der Kinofilm zu dem „Wahnsinnsprojekt“ (DIE ZEIT) in den deutschen und schweizer Kinos anlaufen (Produktion: Fruitmarket Kultur und Medien GmbH & Langfilm). Dazu entstehen, in Kooperation mit ARTE, ZDF, Schweizer Fernsehen (SRF und RTS) sowie der Kulturstiftung des Bundes Fernsehfassungen und eine multimediale Plattform zum „ambitioniertesten politischen Theaterprojekt, das je inszeniert wurde“ (The Guardian).

 

Wir danken allen Partnern, Freunden und Förderern für ihre Unterstützung und ihr kritisches Interesse im Jahr 2016 und freuen uns auf ein ereignis- und erfolgreiches Jahr 2017!

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