„Den Glauben ans Theater zurückgegeben“: Rückschau und Vorschau 2017/18

 

„Ein Klassiker“, urteilte das belgische Fernsehen über Milo Raus Stück „Empire“ anlässlich des Gastspiels am diesjährigen Kunstenfestival in Brüssel. Der Siegeszug des fürs Berliner Theatertreffen nominierten und zum Schweizer Theatertreffen eingeladenen Abschlusses der Europa-Trilogie, gemäß der NZZ „das Theater des Euripides in die Gegenwart gedacht“, geht derweil weiter: Ab Mittwoch, den 31. Mai wird es im Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis für das beste deutschsprachige Stück 2017 antreten. „Empire“ ist damit das erste Werk in der Geschichte des wichtigsten deutschen Dramatiker-Preises, in dem kein einziges deutschsprachiges Wort vorkommt – eine genauso erfreuliche wie zukunftsweisende Entscheidung der Jury. Im Anschluss an die Schweizer Bestenschau und die Mülheimer Theatertage wird „Empire“ u. a. ans deutsch-französische Festival Perspectives und ans Epidauros Festival Athen reisen, bevor es Teil des Repertoires des Nationaltheaters Gent wird, dessen Leitung Milo Rau ab 2018 übernimmt.

 

Auch für „Five Easy Pieces“, die vorletzte Produktion des IIPM, ist die laufende Saison erfolgreich zu Ende gegangen. Das bisher in 20 Ländern gezeigte Stück wurde am Berliner Theatertreffen mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnet, nachdem es u. a. ans holländische und belgische Theatertreffen eingeladen und mit dem belgischen Kritikerpreis ausgezeichnet worden ist. „Eine der grandiosesten Einladungen der letzten Jahre“, resümierte Deutschlandradio Kultur die Gastspiele des Genter Kinderstücks an der Berliner Bestenschau des deutschen Theaters, dem Blogger des Theatertreffens gab „Five Easy Pieces“ gar „den Glauben ans Theater zurück“, und der englische Kritiker Andrew Haydon schrieb: „Eines der 5 außerordentlichsten Stücke eines ganzen Lebens.“ Nach Berlin reist „Five Easy Pieces“ diese Saison noch nach Köln ans Impulse Festival, nach Madrid und nach Ljubljana. Ab der Saison 2017/18 wird eine zweite Version des Stücks parallel zur ersten die Welt bereisen, u. a. stehen eine Südamerika- und Nordamerika-Tour auf dem Programm.

 

Im Herbst 2017 wird zudem der lang erwartete Film „Das Kongo Tribunal“ nach einer Vorpremierentour durch die Demokratische Republik Kongo in die europäischen Kinos kommen. Parallel dazu entsteht, in Kooperation mit ARTE, dem ZDF und dem Schweizer Fernsehen, eine Multimedia-Plattform und ein interaktives Computerspiel zum „ambitioniertesten Theaterprojekt, das je auf die Bühne kam“ (The Guardian). Im Anschluss an „Das Kongo Tribunal“ präsentiert das IIPM im Herbst 2017 zudem ein weiteres politisches Großprojekt: „The General Assembly“. In der Bundeshauptstadt Berlin werden sich im November Ab­ge­ord­nete aus der ganzen Welt versammeln, um das neu gewählte deutsche Parlament herauszufordern – Repräsentant_innen jener Menschen, die von der deut­schen Politik betroffen, aber ohne politisches Mitspracherecht sind. An die Stelle eines Lokal­parlaments soll so ein Globalparlament treten: das erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte.

 

Für die Saison 2017/18 entwickeln Rau und sein Team zudem drei neue Theaterstücke: Im Oktober 2017 wird an der Berliner Schaubühne das Revolutionspanorama „1917“ (mit der Gewinnerin des Reinhart-Rings 2017, Ursina Lardi, als Lenin) zu sehen sein, im Februar 2018 wird am Residenztheater München eine „Jeanne d’Arc für unsere Zeit“ (Spielzeitheft) entstehen. Im Mai 2018 schließlich kommt in Kooperation u. a. mit dem Théâtre National Bruxelles, der Berliner Schaubühne, dem Festival d’Avignon, Prohelvetia und dem Nationaltheater Gent der Theater-Essay „Geschichte des Theaters“ (mit Johan Leysen, Sara de Bosschere und Sébastien Foucault) auf die Bühne.

 

Seine persönliche Poetik eines globalen Menschheitstheaters hat Milo Rau derweil im Rahmen seiner „Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik“ umrissen, die am Montag, den 29. Mai zu Ende ging. Die drei Vorlesungen werden Anfang des nächsten Jahres unter dem Titel „Geschichte des Theaters“ im Berliner Alexander Verlag publiziert, angereichert mit dem Stücktext von Raus gleichnamiger Performance. Drei weitere Publikationen beleuchten zudem nächste Saison die Arbeit des „Bertolt Brecht des 21. Jahrhunderts“ (art.tv): im Zürcher Diaphanes Verlag erscheint unter dem Titel „Wiederholung und Ekstase“ eine Sammlung von Gesprächen, Theorie-Essays und Manifesten Milo Raus (Hg. Rolf Bossart/Dieter Mersch). Im Verbrecher Verlag beleuchten die beiden Bände „Das Kongo Tribunal“ und „1917“ sowie die wieder aufgelegte „Europa Trilogie“ die Arbeit Raus an einem „globalen Volkstheater“, das der Autor und designierte Intendant des NTGent selbst in zwei aktuellen, programmatischen Interviews in „Le Soir“  und dem „Tages-Anzeiger“ umreißt.

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